Bild: Bang & Olufsen
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Intelligente Musikanlagen, die den Plattenschrank besser kennen als man selbst – es gibt sie bereits. Apple nennt seinen digitalen DJ „Genius”. Bang & Olufsen hat die Funktion „MOTS” getauft, was soviel bedeutet wie „mehr vom Gleichen” (More Of The Same). Bose versucht das Musikhören mit „uMusic” zu vereinfachen. Drei Systeme, die unterschiedlich funktionieren aber alle demselben Zweck dienen: Sie stellen automatisch Wiedergabelisten zusammen, die musikalisch zueinander passen und die Stimmung sowie den Geschmack des Hörers treffen sollen. DIGITAL-ROOM hatte mehrfach Gelegenheit, die digitalen Assistenten zu testen und möchte seinen Lesern die Erfahrungen nicht vorenthalten.
Apple Genius
Der virtuelle DJ aus Cupertino benötigt einen Song als Vorlage. Ausgehend von diesem Titel sucht er weitere Tracks, die dazu passen. Die Funktion gibt es in iPhone, iPod und iPad, aber auch im Player-Programm iTunes am Computer. Genauer gesagt ist dort der eigentliche Arbeitsplatz des Soundmixers untergebracht. Die mobilen Apple-Geräten erhalten ihre Genius-Informationen ebenfalls von iTunes – während der Synchronisation mit dem Computer. Das Jukebox-Programm für Mac und Windows-PC erledigt aber nur einen Teil der Arbeit. Die hauptsächlichen Berechnungen finden auf Apple-Servern in der Cloud statt. Deshalb benötigt Genius in regelmäßigen Abständen Kontakt zum Internet, um Daten senden und auch wieder empfangen zu können.
Wie genau das Verfahren funktioniert, verrät Apple nicht. Nur soviel ist bekannt: Die Genius-Server vergleichen Nutzungsdaten aus der iTunes-Bibliothek mit den Werten anderer Teilnehmer. Wie oft wurde ein Stück gehört? Welche Bewertung hat es bekommen? Welche Titel besitzen andere Eigentümer desselben Stücks sonst noch in ihrem Archiv? Aus Übereinstimmungen in den Profilen bestimmt Genius seine Vorschläge. Deshalb können in einer automatisch erzeugten Playlist Genres und Interpreten auftauchen, die auf den ersten Blick gar nicht zueinander passen. So ordnet Genius dem Disco-Hit „Night Fever” von den Bee Gees auch Schmachtfetzen von Barry Manilow („Can't Smile Without You”) oder das Weihnachts-Evergreen „Last Christmas” (Wham) zu – weil viele Menschen, denen das eine gefällt, wohl auch das andere mögen. Andererseits kann es passieren, dass zu weniger geläufigen Titeln keine Vorschläge gefunden werden. Weil es zu wenig Vergleichsdaten gibt.
Bang & Olufsen MOTS
Ausfälle haben Besitzer einer Bang & Olufsen-Anlage mit MOTS nicht zu befürchten. Das in Zusammenarbeit mit dem Wiener Forschungsinstitut für künstliche Intelligenz entwickelte Verfahren analysiert jeden noch so exotischen Titel. Dazu entnimmt es aus der Mitte des Musikstücks eine etwa zweiminütige Probe und schickt dieses Sample durch mehrere Rechen-Algorithmen. Dabei werden Eigenschaften wie Frequenzverteilung, Klangfarben oder rhythmische Muster erfasst und verglichen. Heraus kommt eine Prüfsumme, die sich mit den Werten anderer Titel vergleichen lässt. So stellt das System ohne Hilfe aus dem Internet seinen eigenen Musikmix zusammen.
Nachteil der aufwändigen Prozedur: So eine Analyse braucht Zeit. BeoSound 5 und BeoSound 5 Encore, die bislang einzigen Produkte mit MOTS, benötigen für die Untersuchung eines Songs etwa 20 Sekunden, macht bei 1000 Titeln schon mehr als fünf Stunden. Die Analyse findet im Ruhezustand statt, etwa nachts, wenn niemand Musik hört. Ein orangeroter Ring, der beim Aufwachen der Anlage am Steuerrad erscheint, zeigt, wie weit die Arbeiten fortgeschritten sind. Einmal beendet, steht die Datenbank aber dauerhaft zur Verfügung und wird automatisch ergänzt, sobald das System neue Titel auf der Festplatte erkennt. Der Titelmix kann ähnlich unkonventionell ausfallen wie bei Apple, weil MOTS sich nicht um Genres und Musikepochen schert. So passiert es, dass eine Wiedergabeliste, die mit Jazz beginnt, im Folgenden auch Schlager und Rockballaden enthält.
Bose uMusic
Noch einen anderen Weg beschreitet Bose mit seiner uMusic-Lösung. Das „Intelligent Playback System” in Bose-Anlagen mit Festplatte lernt aus den Vorlieben seiner Nutzer: Durch Überspringen von Titeln oder Abwählen eines Stücks per Minus-Taste auf der Fernbedienung weiß das System, welche Tracks weniger beliebt sind. Ein Druck auf die Plus-Taste sorgt dagegen für Bevorzugung: Der bewertete und ähnliche Titel werden danach häufiger gespielt. Ähnlichkeiten ermittelt uMusic mit Hilfe einer Datenbank, die im Gerät gespeichert ist. Sie kennt neben üblichen Metadaten wie Interpret, Titel und Gattung auch Kategorien wie Tempo, Stimmungslagen, Musikstil oder Klangcharakter. Allerdings muss diese Datenbank über Update-CDs von Bose regelmäßig aktualisiert werden, damit auch Neuerscheinungen im Musik-Pool enthalten sind.
Die Treffergenauigkeit ist verblüffend und wird immer besser, je länger der Nutzer seine uMusic-Anlage „trainiert”. Damit mehrere Personen im Haushalt das System nutzen können, gibt es sogenannte Presets. Sie lassen sich mit Vorlieben einzelner Familienmitglieder programmieren. Oder aber mit Musik für bestimmte Gelegenheiten: zum Abendessen, Putzen oder Einschlafen. Anders als die Lösungen von Apple oder B&O, die auch mit Audio-Daten auf externen Festplatten funktionieren, verlangt uMusic jedoch, dass der Nutzer seine komplette Musik auf die Festplatte der Bose-Anlage rippt. Beim Topmodell Lifestyle 48 reicht dieser Speicher laut Hersteller für bis zu 340 Stunden Musik. Die Aufnahmeprozedur benötigt etwa fünf Minuten pro CD. Zusätzlich genehmigt sich die Anlage nach etwa 10 bis 20 Scheiben eine mehrstündige Rip-Pause, um die Daten zu verarbeiten. Während dieser Zeit kann aber bereits Musik gehört werden.
DIGITAL-ROOM meint: Alle drei Lösungen helfen dabei, die eigene Musiksammlung neu zu entdecken. Statt umständlich Wiedergabelisten zu befüllen, drückt der Nutzer einfach die Playtaste. uMusic von Bose liefert nach kurzer Trainingszeit mit hoher Trefferquote ein homogenes Musikerlebnis. Der Titelmix von MOTS ist weniger leicht vorhersehbar. Dafür steht die Funktion mit der BeoSound 5 Encore auch an externen Speichern wie USB-Festplatten oder UPnP-Servern im Netzwerk zur Verfügung. Wer Musik abseits des Mainstreams liebt, stößt mit Genius von Apple gelegentlich an Grenzen. Dafür muss man keine spezielle Heimkino- oder Streaming-Anlage kaufen: Die Funktion ist gratis in iTunes enthalten. Der Nutzer „bezahlt” lediglich mit seinen Nutzungsdaten, die anonymisiert an Apple übertragen werden.
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