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(3) 07.11.2011

Digitales Kino (fast) für jedermann

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Zwei Philosophien, ein Ziel: Neue EOS-Filmkameras von Canon und die kompakte RED Scarlet-X machen digitale Kinoproduktionen erschwinglicher.Die Canon EOS C300 und die Scarlet-X von Red: kompakte, digitale Filmkameras für ProfisBild: Canon/Red/DR

Die Filmbranche befindet sich im Umbruch. Digitale Kameras verdrängen mehr und mehr den traditionellen 35-Millimeter-Film. Mehr noch: Digitale Spiegelreflexkameras – allen voran die Canon EOS 5D Mark II – krempeln seit ein paar Jahren die Szene um. Denn mit Vollformatsensor, hochwertiger Foto-Optik und Full-HD-Videofunktion erlauben solche Kameras Aufnahmen, deren geringe Tiefenschärfe dem Look von Kinofilmen oft näher kommt als eine Videoproduktion mit HD-Camcorder. Obendrein kosten die filmenden Digiknipsen nur einen Bruchteil klassischer Filmkameras. Selbst Amateur-Modelle wie die Canon EOS 600D nehmen zusammen mit hochwertigen Objektiven Filme im echten Kinolook auf – Web-Communities mit HD-Inhalten wie etwa Vimeo sind voller Beispiele dafür (siehe Artikel-Links unten).

Nun wagt sich Canon erstmals voll in die digitale Filmproduktion. In Los Angeles stellte der Hersteller dieser Tage zwei Kino-Camcorder vor, die auf den Erfahrungen der EOS-Modelle basieren: den EOS C300 und EOS C300 PL. Der C300 lässt sich mit herkömmlichen EOS EF-Objektiven bestücken, auf den EOS C300 PL passen spezielle Filmobjektive mit dem so genannten PL-Bajonett, wie sie etwa Carl Zeiss liefert. Beide Modelle sind mit einem neu entwickelten, knapp 2,5 mal 1,9 Zentimeter großen Canon Super-35mm-CMOS-Sensor ausgestattet. Der liefert 8,29 Millionen Bildpunkte, was der sogenannten 4K-Auflösung entspricht. Doch dies ist nur die Auflösung des Chips, tatsächlich speichert die C300 Videos in Full-HD-Auflösung von 1920 x 1080 Bildpunkten. Dabei bietet sie laut Canon wahlweise Vollbildraten (1080p) von 30, 25 oder 24 Hertz sowie 50 Halbbilder pro Sekunde (1080i/50Hz).

Der US-amerikanische Kamerahersteller RED dagegen hat sich mit den digitalen Filmkameras „One” und „Epik” in Hollywood einen Namen gemacht. Die neu vorgestellte, kompakte „Scarlet-X” wendet sich mit einem günstigeren Preis speziell an die Independent-Szene. Ihre Daten versprechen aber alles andere als Low-Budget: Sie nimmt bis zu einer Bildfrequenz von 30 Bildern pro Sekunde echte 4K-Auflösung auf, ihr Bildsensor ist mit 5120 x 2700 Pixeln bestückt. Je nach gewählter Auflösung wird nur ein Teil der Sensorfläche genutzt und es sind unterschiedliche Bildfrequenzen möglich. In 3K-Auflösung etwa dreht die Scarlet-X bis zu 48 Vollbilder pro Sekunde – das ist die doppelte übliche Kino-Bildfrequenz. Zum Vergleich: Die EOS C300 schafft Aufnahmen mit 30 bis 60 Vollbildern pro Sekunde nur in Auflösungen bis 720p.

Die Canon-Filmkameras speichern Videos im MPEG-2-Videoformat mit einer Datenrate von bis zu 50 Megabit pro Sekunde, dabei liefern sie für Videokameras hohe Farbauflösung – Fachterminus: 4:2:2. In den niedrigeren Datenraten von 35 und 25 Mbit/s werden die Signale ähnlich wie etwa von HDV-Camcordern in der Farbcodierung 4:2:0 abgetastet und gespeichert. Die Canon speichert im Videodateiformat MXF (Material Exchange Format) auf Compact-Flash-Speicherkarten. Sie lässt sich mit zwei Karten des CF-Typs I bestücken. In der höchsten Datenrate von 50 Mbit/s reichen 64 Gigabyte für etwa 160 Minuten Video. Deutlich mehr Daten produziert die neue Kamera von RED: Die Scarlet-X nimmt im herstellereigenen Redcode-Format auf externe Festplatten auf. Die Videoinformationen des CMOS-Sensors werden dabei ohne weitere Signalverarbeitung, aber mit Datenkompression gespeichert – also mit voller Farbauflösung. Dieses Verfahren bietet maximalen Spielraum für die Nachbearbeitung. Je nach gewählter Datenkompression beträgt die Datenrate aber bis zu 440 Megabit pro Sekunde.

Die Audioeinheit der Canon C300 bietet zwei XLR-Buchsen mit 48 Volt Phantomspeisung sowie eine Miniklinkenbuchse (3,5 mm). Der Canon zeichnet zwei Audiospuren mit 16 Bit und 48 Kilohertz auf. Auch die RED Scarlet-X speichert zwei Tonspuren mit 24 Bit und 48 kHz. Beide Modelle bieten als Videoausgänge die Studio-Schnittstelle HD-SDI sowie einen HDMI-Ausgang.

Laut verschiedenen Presseberichten soll die EOS C300 um 16.000 US Dollar kosten – ohne Objektiv versteht sich. Ab Januar soll sie in den USA auf den Markt kommen, kurz darauf in Europa. RED bietet seine Scarlet-X ebenfalls wahlweise mit PL- oder EF-Mount für Canon Objektive an. Das Modell für PL-Filmobjektive inklusive Festplatte ist laut Hersteller bereits ab 17. November für 11.250 US Dollar erhältlich. Die EF-Version lässt sich im RED-Store inklusive SSD-Festplatte für 9750 US Dollar vorbestellen. Auslieferung ab Dezember.

DIGITAL-ROOM meint: Keine der vorgestellten Filmkameras ist für Hobbyfilmer gedacht, dennoch ist die Entwicklung höchst interessant. Denn die Digitaltechnik löst nun auch im Kino eine Revolution aus, die andere Bereiche der Medienwelt bereits erfasst hat: Jedermann kann heute mit vergleichsweise geringem finanziellem Aufwand hochwertige Inhalte veröffentlichen. Blogger brauchen keine Programmierkenntnisse mehr, um sich auf einer professionell anmutenden Webseite zu präsentieren, Musiker kein Studio mehr für Zigtausend Euro, Videoproduktionen und Fernsehen kommen oft schon mit einer besseren Spiegelreflexkamera aus. Der nächste Schritt, da gehören die beiden neuen Kameraserien hin, betrifft das digitale Kino: Jetzt bekommen auch ambitionierte Filmer günstige Werkzeuge an die Hand, die alle aktuellen Produktionsstandards wie progressives Full-HD oder gar 4K beherrschen. So geht es nicht mehr in erster Linie um die Kosten für das Produktionsequipment. Sondern um brillante Ideen und die Kreativität hinter der Kamera, an der Tastatur oder auf dem Instrument.

Autor: 
Jan Fleischmann / ro
 
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