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(11) 09.09.2011

Die Invasion der Online-Musikdienste

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Mit „Juke” gibt es jetzt noch einen weiteren Abo-Dienst für Streaming-Musik aus dem Internet. So langsam wird das Angebot etwas unübersichtlich.Juke, der jüngste Online-Musikdienst, ist auch per App auf iPhone und Android-Geräten verfügbar.Bild: Juke

Vor wenigen Jahren noch undenkbar: Der Musikfan kauft seine Lieblingstitel nicht mehr – er mietet sie. Aus dem CD-Jäger und Vinyl-Sammler wird ein Nutzer auf Zeit mit Leasing-Vertrag. Zumindest hätten das Anbieter von Online-Musikdiensten gern, deren Zahl von Jahr zu Jahr steigt. Rund 70 legale Angebote gibt es laut Bundesverband Musikindustrie e.V. (BVMI) mittlerweile in Deutschland. Allerdings zählt die Dachorganisation zu dieser Gruppe auch werbefinanzierte Streaming-Services wie „MyVideo” oder „Clipfish” und Webradio-Dienste, deren Programm der Hörer kaum beeinflussen kann. Volle Kontrolle bieten nur kostenpflichtige Abrufdienste mit direkter Auswahl von Titel, Album oder Interpret.

In dieser Kategorie tummeln sich neben dem Klassiker „Napster” inzwischen auch „Musicload Nonstop”, der Elektronik-Konzern Sony mit „Music Unlimited” und Newcomer wie „Simfy”. Der jüngste Dienst – „Juke” – ging am 1. September 2011 online: Das Angebot der Media-Saturn-Holding wirbt wie die Konkurrenten mit einem riesigen Musik-Katalog (13 Millionen Titel von 80.000 Labels) und kostet 9,99 Euro im Monat. Napster erscheint auf den ersten Blick attraktiver. Dort gibt es 15 Millionen Songs für 7,95 Euro im Monatsabo. Wer das Repertoire mit Apps auf mobilen Geräten nutzen möchte, bezahlt allerdings fünf Euro Aufpreis. Auch Sony staffelt die Tarife: 3,99 Euro kostet das eingeschränkte Basis-Paket mit vordefinierten Playlisten, wer alle 7 Millionen Musiktitel hören möchte, ist mit 9,99 Euro im Monat dabei. Simfy schließlich gestattet am Computer den kostenlosen Zugriff auf einen Katalog von 13 Millionen Songs, behält sich aber das Recht auf Werbung im Programm vor. Die werbefreie Variante kostet 5,99 Euro; wer am iPhone, iPad, Android-Smartphone oder Blackberry hören möchte, benötigt ein sogenanntes Premium-Plus-Abo für 9,99 Euro im Monat.

Je nach Anbieter und gebuchtem Paket kann der Hörer also aus bis zu 15 Millionen Musiktiteln wählen. Zur Wiedergabe muss das Abspielgerät mit dem Internet verbunden sein, weil die Songs per Streaming übertragen werden. Ohne Netzwerk keine Musik. Einzige Ausnahme: der Premium-Plus-Account von Simfy, der ein Zwischenspeichern von Playlisten erlaubt, die danach auch offline am Computer oder in der Player-App des Smartphones gehört werden können. Um einen Download wie im iTunes-Store, von Amazon oder anderen Online-Shops handelt es sich dabei trotzdem nicht. Die Titel laufen nur in den Apps und Player-Programmen von Simfy. Sie lassen sich nicht als Musikdatei auf der Festplatte speichern, um sie anschließend auf andere Geräte zu übertragen. Und wer sein Abo kündigt, verliert automatisch die bis dahin geladenen Songs.

Wer seine Abo-Musik nicht nur am PC oder in den Apps der Anbieter hören möchte, braucht obendrein spezielle Geräte. Denn längst nicht jede HiFi-Komponente, die einen Internet-Zugang besitzt, kann auf die Online-Konten zugreifen. Fein heraus sind Besitzer eines Multiroom-Systems von Sonos. Der Streaming-Spezialist hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst viele Musikdienste anzubieten und will nach Napster, Wolfgang's Vault und diversen Webradios künftig auch Juke integrieren. Hersteller von AV-Receivern wie Denon oder Onkyo erlauben immerhin den Zugriff auf Napster. Music Unlimited von Sony ist nur auf hauseigenen Geräten wie der Playstation 3, vernetzten Blu-ray-Playern oder Bravia-TVs zu empfangen. Für iPhone- und iPad-Nutzer gibt es nicht einmal Apps.

Trotzdem erfreuen sich die Angebote wachsender Beliebtheit: Laut BVMI-Statistik stieg der Umsatz mit Abo-Diensten im ersten Halbjahr 2011 um 21,4 Prozent. Es ist aber noch ein weiter Weg, bis die Streaming-Musik das Geschäft mit echten Downloads einholt. Die Umsätze mit Alben- und Einzeltrack-Käufen stiegen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 26,9 Prozent und machen immer noch fast 84 Prozent des digitalen Musikmarkts aus. Der wiederum ist im Vergleich zu den Plattenverkäufen eine kleine Nummer: Rund 83 Prozent des Umsatzes von 650 Millionen Euro im ersten Halbjahr wurden mit CDs und Vinyl-Scheiben erzielt.

DIGITAL-ROOM meint: Streaming-Angebote sind ideal, um neue Musik zu entdecken. Die Hitparaden und Genre-Listen der Portale – aber auch die Empfehlungen anderer Nutzer – laden zum Stöbern und Probehören ein. Allerdings geht das mit Gratis-Diensten und Webradio-Stationen auch, nur nicht ganz so komfortabel. Wer zehn Euro im Monat ausgeben möchte, kann das bei Juke, Napster, Sony & Co. tun. Er kann fürs gleiche Geld aber auch zwölfmal im Jahr ein Download-Album kaufen. Mit diesen 150 bis 200 Tracks darf er dann verfahren wie es ihm gefällt; sie dauerhaft und überall abspielen, im Auto wie am MP3-Player, auf CD gebrannt im heimischen Player und per Streaming auf dem WLAN-Radio – ganz gleich von welchem Hersteller das Abspielgerät stammt. So viel Freiheit müssen die kostenpflichtigen Streaming-Dienste erst noch lernen.

Autor: 
Frank-Oliver Grün
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