Bild: Lytro
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Ein kalifornisches Start-Up-Unternehmen namens „Lytro” will die Fotografie neu erfinden – mit einer Kamera, die automatisch scharfe Bilder macht. Oder besser gesagt: mit Aufnahmen, in denen man nachträglich fokussieren kann. Der Fotograf muss beim Knipsen nicht mehr entscheiden, welche Teile des Bildes klar und welche verschwommen sind. Er drückt einfach auf den Auslöser und fängt das Motiv als räumliche Abbildung ein. Im fertigen Foto kann der Betrachter dann selbst entscheiden, welchen Bildbereich er scharf sehen möchte.
„Lichtfeld-Fotografie” nennt Lytro-Firmengründer Ren Ng dieses Konzept und hat bereits 2006 eine Doktorarbeit dazu veröffentlicht. Er vergleicht die neuartigen Bilder mit Audio-Dateien: „Eine konventionelle Fotografie ist wie eine Aufnahme, die alle Musiker zusammen enthält”. Das Lichtfeld hingegen speichere „jedes Instrument auf einer separaten Audiospur.” Damit lässt sich die Gewichtung der einzelnen Spuren auch nachträglich ändern – während ein klassisches Foto eine feste Bildkomposition enthält, den fertigen Tonmix sozusagen.
Die erste kommerzielle Produkt von Lytro soll 2012 in Amerika auf den Markt kommen. Interessenten können die Kamera bereits vorbestellen. Es gibt sie in zwei Speichergrößen: Die kleine Variante mit 8 Gigabyte soll etwa 350 Bilder fassen und 399 US-Dollar kosten, die 16-GB-Version für 100 Dollar mehr bietet laut Hersteller Platz für 750 Aufnahmen. Rein äußerlich erinnert die zwölf Zentimeter lange Stange mit quadratischem Querschnitt (4,1 x 4,1 cm) eher an ein Fernglas oder an ein Kaleidoskop für Kinder. Es gibt keine Drehrädchen oder andere Bedienelemente auf dem eloxierten Aluminium-Gehäuse mit gummierter Griffzone; lediglich einen kleinen LCD-Monitor mit Touchscreen am Ende, der zur Belichtungssteuerung dient. Und einen Schieber für das optische 8-fach-Zoom im vorderen Teil des Gehäuses.
Angaben zur Auflösung der Bilder macht Lytro keine. Statt Megapixel nennt der Hersteller lediglich 11 „Megarays”, also elf Millionen Lichtstrahlen. Das hängt mit dem Funktionsprinzip zusammen. Die Lytro ist eine sogenannte Plenoptische Kamera: Vor dem Aufnahme-Sensor sitzt ein Raster aus Mikrolinsen, die das Licht aus verschiedenen Richtungen einfangen. Klassische Fotoapparate können nur Farbe und Helligkeit unterscheiden, der Lichtfeld-Sensor erkennt zusätzlich den Einfallswinkel. Mehrere Pixel auf dem Sensor sind dabei einer Mikrolinse zugeordnet und jede Linse entspricht einem Bildpunkt im fertigen Foto. Das hat laut Firmengründer Ren Ng den Vorteil, dass sich jeder einzelne Bildpunkt der Aufnahme individuell scharf stellen lässt.
Die interaktive Bildbearbeitung erledigt Software. Lytro hat zu diesem Zweck ein eigenes Player-Programm entwickelt. Jedes Foto wird in die sogenannte „Light Field Engine” verpackt und bleibt mit ihr verbunden. Wer das Bild betrachtet, soll es auch verändern können – am Computer genauso wie auf einem iPhone oder iPad, auf einer Facebook-Seite oder in der Online-Galerie von lytro.com. Um die Aufnahmen von der Kamera auf den Computer zu holen, ist vorerst jedoch ein Mac nötig. Das mitgelieferte Transfer-Programm setzt OS X 10.6 oder höher voraus. Ein Windows-Programm befindet sich laut Hersteller in Entwicklung.
Und noch ein Extra stellt Lytro für die Zukunft in Aussicht: Aus den Richtungs-Informationen, die der Lichtfeld-Sensor erfasst, lassen sich Rückschlüsse auf die Entfernung der aufgenommenen Objekte ziehen. So gesehen ist jedes Foto auch gleichzeitig eine 3D-Aufnahme. Mit entsprechender Software und einer 3D-Brille können Betrachter räumliche Bilder sehen. Auf einer Beispielseite im Firmenblog funktioniert das bereits.
DIGITAL-ROOM meint: Lytro ist nicht der einzige Hersteller, der mit Lichtfeld-Technik experimentiert. Bereits 2008 hat Adobe einen Prototypen vorgestellt, der mit 19 Vorsatzlinsen räumliche Tiefe auf einem 100-Megapixel-Sensor abbildete. Allerdings hat man seither nichts mehr davon gehört. Die Lytro-Kamera soll serienreif sein und in wenigen Monaten auf den Markt kommen. Fotografen, die nicht lange über ihre Bildkomposition und die Wahl der Blende nachdenken wollen, eröffnet sie neue Möglichkeiten. Auch dürfte es weniger Auslöse-Verzögerung geben, weil mit dem Autofokus die Zeit zum Scharfstellen entfällt. Ob die Lichtfeld-Fotografie ein Erfolg wird, hängt aber noch von anderen Faktoren ab. So lassen sich klassische Aufnahmen im JPEG-Format auf nahezu allen Display-Geräten anzeigen und mit jedem Bildbearbeitungsprogramm öffnen. Der Lytro-Container stellt vorerst ein geschlossenes System dar, bei dem einzig und allein der Kamera-Hersteller entscheidet, was man mit den Bildern anfangen kann.
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