Bild: Kathrein, DR
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Seit der Abschaltung der analogen Satellitenübertragung am 30. April 2012 und der Aufschaltung neuer HDTV-Sender der öffentlich rechtlichen Sendeanstalten ARD und ZDF haben einige HD-Empfangsboxen Schwierigkeiten mit der Darstellung bestimmter Sender (wir berichteten).
Betroffen sind oder waren nach unseren Erkenntnissen beim Empfang von Sendern der ZDF-HD-Transponder (ZDF, ZDF Neo, 3Sat, ZDF Info, ZDF Kultur und KIKA) vor allem Geräte von Kathrein (UFS 922 und 925), Philips (DSR 9005, DSR 5005) und Topfield (TF 77XX). Gemeinsames Problem der Geräte: Die betroffenen Sender ruckeln heftig und haben immer wieder Tonaussetzer. Mit den ARD-HD-Transpondern haben andere Geräte Schwierigkeiten – einige Discount-Receiver von Comag sowie bauähnliche Modelle, die unter Marken wie Medion oder Skymaster vertrieben werden, tauchen am häufigsten in Nutzerberichten auf.
Die Hersteller sind mit Hochdruck daran, Lösungen bereitzustellen. Kathrein hatte bereits nach zwei Tagen eine neue Firmware für den etwas älteren UFS 922 veröffentlicht, am 10. Mai folgte ein Update für den HD+-Receiver UFS 925. Grund für die Wartezeit laut Kathrein: Für das neue Modell musste die Firmware vor Veröffentlichung von Nagravision abgesegnet werden, deren Verschlüsselungssystem für den HD+-Kartenleser im Gerät integriert ist. Die übrigen Hersteller mit ZDF-HD-Problemen laborieren offenbar noch an einer Lösung: Philips, deren ältere HDTV-Receiver inzwischen technisch vom britischen Hersteller Pace betreut werden, hat ebenso ein Update angekündigt wie Topfield. Bislang warten betroffene Kunden aber noch vergebens. Im Lager der ARD-HD-Ruckler hat zumindest Comag Lösungen in Form von Firmware-Updates freigeschaltet – sie sind auf der Hompage des Herstellers aufgelistet. Bei anderen Geräten warten die Zuschauer dagegen noch auf eine Lösung des Problems. Hier kann man derzeit nur empfehlen, regelmäßig über das Receiver-Menü oder auf der Support-Seite des Herstellers nach einem Update für die Geräte-Software zu suchen.
Grund für die Misere ist nach übereinstimmender Auskunft verschiedener Techniker die Umstellung auf statistischen Multiplex, den die öffentlich rechtlichen Sender zum 30. April vornahmen. Bei dieser Technik können sich die Sender, die gemeinsam auf einem Satellitenkanal übertragen werden, die vorhandenen Datenrate dynamisch aufteilen. In aufwendigen Bildsequenzen kann die Datenrate eines Kanals kurzzeitig auf bis zu 20 Megabit pro Sekunde ansteigen, die anderen Kanäle werden dann entsprechend heruntergefahren. Die durchschnittliche Datenrate pro Sender beträgt auf den ARD- und ZDF-Transpondern zwischen 10 und 13 Mbit/s. Diese Zahlen hat der DVB-S-Experte Gunther Muth von der Panasonic-Entwicklungsabteilung für HDTV- und Sat-Technik im hessischen Langen für DIGITAL-ROOM ermittelt. Ihm zufolge liegen die Probleme der verschiedenen Geräte daran, dass sie nicht optimal für diesen statistischen Multiplex mit HDTV-Kanälen in der Auflösung 720p ausgestattet ist. Die ARD- und ZDF-Sender nutzen diese „kleine” HDTV-Auflösung, die gegenüber der Interlaced-Variante 1080i nur sehr selten zum Einsatz kommt. Auch die Art der digitalen Encodierung wurde laut Muth bei der Umstellung geändert: Im digitalen MPEG4-Videosignal sei nun der Abstand zwischen jeweils zwei komplett übertragenen Bildern (i-Frames) größer geworden als bisher. Je länger solch eine „Group of Pictures” zwischen zwei i-Frames im Digitalsignal ist und je höher die Datenrate des DVB-Datenstromes sein kann, desto mehr Bildinformationen muss der Receiver am Eingang zwischenspeichern, um eine flüssige Bildwiedergabe zu gewährleisten. Diese Begründung bestätigt auch die Aussage von Kathrein-Produktmanager Michael Auer, der bereits vor gut einer Woche angab, man habe das Problem in den beiden betroffenen Geräten mit einem vergrößerten Eingangspuffer gelöst.
Dennoch stellt sich die Frage, wie es überhaupt zu derartigen Problemen kommen kann – immerhin gibt es den DVB-S2-Standard, nach dem alle Sender und sämtliche Empfangsgeräte entwickelt und geprüft werden müssen. Experten argumentieren mit dem Zusammentreffen mehrerer Faktoren: Die Sender haben bei der Umstellung Änderungen an ihren Datenströmen vorgenommen – sowohl an den MPEG-Parametern als auch an der Belegung der Transponder mit den flexiblen Datenraten. Das ZDF hatte zum 30. April gar die komplette Sendetechnik erneuert. Die Hersteller dagegen haben offenbar zum Teil die Sende-Rahmendaten des von ARD und ZDF genutzten 720p-Formates nicht allzu ausführlich in ihren Geräten getestet. Allerdings wurde auch bekannt, dass die neuen Sendeeinrichtungen des ZDF offenbar kurzfristig und ohne vorherigen Feldtest in Betrieb gingen. Versuche mit Empfangsgeräten waren nach Aussage mehrerer Brancheninsider vorab nur beim Institut für Rundfunktechnik in München (IRT) unter Laborbedingungen möglich – und wurden sicher nicht für alle Gerätetypen durchgeführt.
DIGITAL-ROOM meint: Ein, zwei Wochen dürfte es noch dauern, bis das HDTV-Umstellungsdesaster ausgestanden ist. Immerhin: Angesichts der vielen beteiligten Institutionen und Herstellern ist das Krisenmanagement okay. Informationspolitik in Sachen Kinderkrankheiten geht schlimmer – siehe Apple und die 3G-Probleme des neuen iPad. Die Frage ist nur, wie es überhaupt dazu kam? Unsere Meinung: ARD, ZDF und das renommierte IRT trifft eine Hauptschuld. Sie gerieren sich in Sachen HDTV seit Jahren als Speerspitze der Innovation und haben so zum Beispiel gegen den Rest der Welt und sämtliche privaten TV-Anbieter das 720p-Format etabliert. Egal, ob das nun einen Tick besser oder schlechter ist als 1080i – auf jeden Fall ist es ein zusätzliches Format, das weltweit sonst kaum eine Sendeanstalt nutzt und das von den Herstellern mit entsprechend geringer Priorität behandelt wird. In einem solchen Umfeld gebietet es allein der gesunde Menschenverstand, dass neue Systeme, die den Digital-TV-Standard bis an die Grenzen der technischen Möglichkeiten ausreizen, vorab mit allen Beteiligten ausführlich getestet werden.
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