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(4) 02.12.2011

Schluss mit Free-TV? Das Fernsehen ändert sich

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Weniger festen Programmablauf, mehr Video-on-Demand. Das wünschen sich Zuschauer vom TV der Zukunft. Und viele sind bereit, dafür zu bezahlen.Laut einer Studie des TV-Herstellers Sony stehen Mediatheken bei den Zuschauern hoch im KursBild: Sony

Das TV-Angebot in Deutschland und anderen europäischen Staaten ist zweigeteilt: Den öffentlich-rechtlichen Fernsehstationen, die hauptsächlich von Gebühren leben, stehen werbefinanzierte Privatsender gegenüber. Das sogenannte Duale System existiert in Deutschland seit 1984 – und steht häufig in der Kritik. Den Privaten wird vorgeworfen, mit „Unterschichtenfernsehen” das Volk zu verblöden. Den Öffentlich-Rechtlichen unterstellt man, auf Einschaltquoten zu schielen und ihren politisch gewünschten Bildungsauftrag zu vernachlässigen.

Doch während die beiden Lager sich bekriegen, einander Gebühren und Werbegelder neiden, hat klammheimlich die Veränderung der Fernsehwelt eingesetzt. Längst gibt es kein duales System mehr, sondern ein dreifaches. Das Internet drängt als dritter Programmanbieter auf TV-Gerät, Tablet oder Smartphone. Webvideos von YouTube und anderen Online-Plattformen gewinnen vor allem bei jungen Menschen schnell an Attraktivität. Sony veröffentlichte gerade eine Studie, für die 1000 Deutsche zwischen 16 und 64 befragt wurden. Auf die Frage, welche Internet-Dienste sie gerne auf ihrem Fernseher haben wollten, nannten die Probanden Online-Videos an erster Stelle: Auf Platz eins landeten die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender, über die sich Programmteile bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung ansehen lassen – gefolgt von YouTube und Online-Videotheken. 70 Prozent der Befragten, die bereits einen internetfähigen Fernseher besitzen, würden sich gerne vom starren Programmschema lösen. Laut Sony möchten sie am liebsten „ihren eigenen Fernseher mit Lieblings-Sendungen, Clips und Online-Videos bestücken”.

Neue Technologien wie der HbbTV-Standard auf TV-Geräten machen diese Individualisierung möglich und schaffen zusätzliche Konkurrenz für die Sender. Die vier Großen der Branche, ARD, ZDF, RTL und ProSiebenSat.1, haben nicht zuletzt deshalb soviel Einfluss, weil Aufbau und Betrieb seines Sendernetzes sehr viel Geld kosten. Übers Internet lassen sich Videoinhalte aber ohne millionenschwere Anlauf-Investitionen verbreiten. Die Kosten steigen erst mit wachsendem Erfolg und den damit verbundenen Datenmengen. Das gibt Quereinsteigern die Chance, ihr Publikum zu finden. Nicht umsonst beobachten US-Sender die Versuche von Google, ins TV-Geschäft einzudringen, mit Argwohn. Viele boykottieren „Google TV” und blockieren ihre Inhalte für die Programm-Suchmaschine des Internet-Konzerns. Ob dieser Widerstand hält, wenn irgendwann auch Apple mit einem internetfähigen TV-Gerät in den Ring steigt, ist die spannende Frage. Branchenexperten halten einen iOS-basierter Fernseher, womöglich mit Sprachsteuerung à la Siri, für sehr wahrscheinlich.

Diese Entwicklung könnte für den Zuschauer teuer werden. Apple ist nicht gerade bekannt dafür, die Inhalte auf seinen Plattformen iTunes und AppStore zu verschenken. Google finanziert Dienste über Werbung und bietet sie Endkonsumenten gratis an. Der Zuschauer bezahlt aber indirekt – bei jedem Kauf eines Produkts, mit dem er die Werbung mitfinanziert. Genauso funktioniert das seit Jahren im Privatfernsehen. Allerdings versuchen die Sender mit Macht, die Zuschauer zum Zahlen zu bewegen. Im Kabelfernsehen sind diese bereits daran gewöhnt. Auch über IPTV kosten ansonsten frei empfangbare Kanäle Geld. Und mit der Verschlüsselungs-Plattform HD+ ist es nun erstmals gelungen, den Sat-Empfang im Free-TV zu monetarisieren: Laut jüngsten Statistiken nutzen 1,9 Millionen Haushalte in Deutschland ein Empfangsgerät für HD+. In über 300.000 davon ist die einjährige Gratisphase bereits abgelaufen. Sie haben 50 Euro für ein weiteres Jahr „Free-TV-Sender in HD-Qualität” bezahlt. Die Verlängerungsquote liegt nach Aussage der HD Plus GmbH bei 63 Prozent.

Pay-TV-Anbieter Sky freut sich ebenfalls über zahlungswillige Zuschauer: Von Juli bis September 2011 konnte der Abo-Sender 98.000 Neukunden gewinnen, mehr als je zuvor in einem dritten Quartal. 2,857 Millionen Abonnenten verzeichnet Sky Deutschland nun, die 3-Millionen-Marke rückt in greifbare Nähe. Zwar schreibt das Unternehmen noch immer rote Zahlen, doch der Verlust wird kleiner. HD-Sender, Spartenkanäle und Sportprogramme wie der DFB-Pokal bei Sky oder die Bundesliga im Entertain-Paket der Telekom sind offenbar so attraktiv, dass die Zuschauer dafür zum Portemonnaie greifen.

DIGITAL-ROOM meint: Dem Fernsehen widerfährt, was Verlage und die Musikbranche schon länger erleben: Die „On-Demand-Mentalität” der Internet-Nutzer fordert das klassische Geschäftsmodell heraus. Nach Zahlen des Branchenverbands Bitkom surft knapp die Hälfte (48 Prozent) aller TV-Zuschauer während des Fernsehens im Web. 25 Prozent tun dies nach eigenen Angaben gelegentlich, 23 Prozent sogar häufig. Die Online-Generation wählt Inhalte bewusst aus. Sie lässt sich nicht so leicht von linearen TV-Programmen fesseln, wie dies vor dem Internet der Fall war. Exklusive Inhalte wie Sport-Übertragungen oder Filme aus Online-Videotheken dürfen dabei ruhig etwas kosten. Schon deshalb werden die privaten Anbieter versuchen, den „Geburtsfehler” des kommerziellen Internet nicht zu wiederholen: Sie planen – wo immer es geht – für ihre Bewegtbild-Inhalte Geld zu verlangen. Das Duale System hat damit ausgedient. Es gehört reformiert. Sonst bleibt am Ende nicht viel mehr davon übrig, als der Gesetzgeber ohnehin vorschreibt: eine leidlich spannende „Grundversorgung”.

Autor: 
Frank-Oliver Grün
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